Nikolaj Patruschew ist ein alter Weggefährte von Präsident Putin. Er war der Nachfolger Putins als Chef des Geheimdienstes FSB, dann 16 Jahre lang Chef des Nationalen Sicherheitsrates, bevor der ehemalige Verteidigungsminister Schoigu 2024 den Posten übernahm. Patruschew wurde daraufhin Präsidentenberater und Chef des Maritimen Kollegiums, was viele als eine Art Degradierung empfanden.
Wenn man allerdings sieht, wie die europäischen Staaten seit 2024 systematisch in der Ostsee eskalieren, indem sie plötzlich Schäden an Unterseekabeln, die es immer gegeben hat und die nie Schlagzeilen gemacht haben, als „russische Sabotage“ bezeichnet und dann als Vorwand für die völkerrechtswidrige Kaperung von Handelsschiffen mit Ziel Russland und die Verstärkung der NATO-Präsenz in der Ostsee genommen haben, und dass die europäischen Staaten inzwischen offen erklären, die Ostsee für Handelsschiffe mit Ziel Russland blockieren zu wollen, dann wird klar, dass Patruschew einen Posten mit großer Verantwortung und mit wahrscheinlich sehr gutem Zugang zu Putin bekommen hat.
Entweder wollen die europäischen Staaten Russland in der Ostsee zu einer militärischen Reaktion provozieren, oder sie sind so naiv, dass sie glauben, Russland lasse es ohne Gegenwehr zu, dass einer seiner wichtigsten Handelshäfen blockiert wird. Dass Putin in dieser Lage einen alten Vertrauten auf einen Posten gesetzt hat, dessen Verantwortungsbereich auch dieses Thema umfasst, zeigt, dass man die Provokationen der Europäer in Russland nicht nur ernst, sondern wohl bereits zur „Chefsache“ gemacht hat.
Daher ist das Interview interessant und wichtig, das Patruschew nun einer russischen Zeitung gegeben hat und das ich daher übersetzt habe.
Beginn der Übersetzung:
„Die Marine wird eine Blockade durchbrechen“: Patruschew über den Schutz der russischen Schifffahrt und Seegrenzen
„Wenn wir ihnen nicht entschieden entgegentreten, werden die Briten, Franzosen und sogar die baltischen Staaten bald so dreist sein, dass sie versuchen werden, den Zugang unseres Landes zu den Meeren, zumindest zum Atlantik, vollständig zu blockieren“, sagt Nikolaj Patruschew, Berater des russischen Präsidenten und Vorsitzender des Maritimen Kollegiums.
Vor dem Tag des Verteidigers des Vaterlandes sprach er in einem Exklusivinterview mit aif.ru über Maßnahmen zum Schutz der russischen Schifffahrt und Seegrenzen, die Stärkung der Marine und das Interesse junger Menschen an einer Tätigkeit im Schiffbau und an der Seefahrt. (Anm. d. Übers.: Der Tag der Verteidiger des Vaterlandes ist so etwas wie die russische Version des Vatertages, also ein Feiertag für die Männer, wobei in den letzten Jahren die alte Tradition wieder wichtiger geworden ist, dass der Tag sich vor allem Männer richtet, die in Militär und Sicherheitsdiensten dienen oder gedient haben)
„In den wichtigen Seegebieten müssen permanent schlagkräftige Streitkräfte stationiert sein, auch in Regionen fernab von Russland, um die Angriffe der westlichen Kosaren einzudämmen.“ Nikolaj Patruschew
„Den Eifer der westlichen Korsaren abkühlen“
Vitaly Tsepljajew, aif.ru: Nikolai Platonowitsch, die Lage auf den Weltmeeren hat sich so weit zugespitzt, dass einige Experten von der „Eröffnung einer neuen Front durch den Westen im Konflikt mit Russland“ sprechen. Man nehme nur die Beschlagnahmungen von Schiffen unter russischer Flagge mit russischer Ladung. Welche Prognose haben Sie, wie reagiert Russland?
Nikolai Patruschew: Diese Angriffe auf den russischen Seehandel, im Grunde Piraterie, zeigen, dass die westlichen Gegner einen der wichtigsten Sektoren der russischen Wirtschaft, den Außenhandel, angreifen und lahmlegen wollen. Den vorliegenden Informationen zufolge werden sich diese Aktionen verstärken und die Angriffe auf unsere Schiffe und Ladungen zunehmen. Wenn wir nicht entschieden reagieren, werden die Briten, Franzosen und sogar die baltischen Staaten bald so dreist sein, dass sie versuchen werden, den Zugang unseres Landes zu den Meeren, zumindest zum Atlantik, vollständig zu blockieren. Selbstverständlich werden die Reaktionen auf westliche Angriffe unter anderem im Maritimen Kollegium entwickelt. Wir sind überzeugt, dass die Marine nach wie vor die beste Garantie für die Sicherheit der Seefahrt ist. In den wichtigen Seegebieten müssen permanent schlagkräftige Streitkräfte stationiert sein, auch in Regionen fernab von Russland, um die Angriffe der westlichen Kosaren einzudämmen.
Verfügen wir über genügend Kräfte?
Ich verheimliche nicht, dass unsere Marine derzeit mit erheblichem Aufwand zum Schutz des Seehandels eingesetzt wird. Wir benötigen weitaus mehr Schiffe für See- und Hochseeoperationen über große Entfernungen, die in der Lage sind, über lange Zeiträume autonom und in großer Entfernung von ihren Stützpunkten zu operieren. Die aktuelle Situation zeigt, dass die Marine von allen Teilstreitkräften das mächtigste und flexibelste geopolitische Instrument ist, das sowohl im Frieden als auch in bewaffneten Konflikten aktiv einsetzt werden kann. Der Besitz einer Flotte, die Fähigkeit, unsere Wirtschaftstätigkeit auf See zu schützen und unser Öl, Getreide und unsere Düngemittel zu exportieren, sind für das normale Funktionieren des Staates unerlässlich. In diesem Zusammenhang integrieren wir die relevanten Anforderungen für die Entwicklung der Flotte in das aktualisierte Marine-Schiffbauprogramm bis 2050, das derzeit finalisiert und dem Präsidenten in Kürze vorgelegt wird, der die neue Strategie zur Entwicklung der Marine und das Schiffbauprogramm bereits genehmigt hat.
„Russland braucht eine ausgewogene Flotte, die allen drängenden Herausforderungen gewachsen ist und den Anforderungen der Zeit, insbesondere den technologischen, gerecht wird.“ Nikolai Patruschew
Welche Art von Flotte braucht Russland, eine große für globale Missionen oder eine kompakte zur Küstenverteidigung?
Russland braucht eine ausgewogene Flotte, die allen drängenden Herausforderungen gewachsen ist und den Anforderungen der Zeit, insbesondere den technologischen, gerecht wird. Wir leben in einer Ära des tiefgreifenden Wandels in der Marine. Unbemannte Boote sind erst kürzlich in die Flotten aufgenommen worden, doch in naher Zukunft werden die führenden Marinen der Welt massenhaft mit unbemannten Schiffen, mindestens der Korvettenklasse, ausgestattet sein. Dutzende weitere Spitzentechnologien werden eingeführt, die die Seekriegsführung grundlegend verändern werden. In dieser Situation müssen wir uns auf den Aufbau einer Hightech-Flotte konzentrieren. Deshalb ist die technologische Führungsrolle eine unserer Prioritäten in den genannten Dokumenten.
„Auch uns könnte interessieren, was sie wohin transportieren.“
Sie haben das Blockade-Szenario angesprochen. Der französische Generalstabschef Mandon erklärte kürzlich, die Ostsee sei nun vollständig in der Hand der NATO und könne jederzeit für Russland gesperrt werden. Wie reagieren wir?
Die Lage im Baltikum ist natürlich nicht einfach. Die NATO baut faktisch eine multinationale Streitmacht auf, die auf Offensivaktionen ausgerichtet ist. Die Finnen beispielsweise beschaffen Korvetten mit Angriffswaffen, die die nordwestlichen Regionen unseres Landes problemlos erreichen können. Zu den Plänen der NATO gehören unter anderem die Blockade der Region Kaliningrad, die Beschlagnahmung von Handelsschiffen und die Sabotage von Unterwasserkommunikation, woran sie uns dann zynischerweise die Schuld geben.
„Wenn es nicht gelingt, das friedlich zu lösen, wird die Marine die Blockade durchbrechen und die Flotte liquidieren.“ Nikolaj Patruschew
Jegliche Versuche einer Seeblockade unseres Landes sind aus völkerrechtlicher Sicht absolut illegal, und der Begriff einer „Schattenflotte“, mit dem die Vertreter der EU überall wedeln, ist eine juristische Fiktion. Dennoch werden wir als ersten Schritt allgemein anerkannte politische, diplomatische und rechtliche Mechanismen einsetzen. Aber seien wir ehrlich, es besteht kaum noch Hoffnung, dass der Westen auch nur einen Funken Respekt vor Diplomatie und Recht bewahrt hat.
Und wenn Diplomatie und Recht scheitern, was dann?
Im Grunde genommen verfolgen die Europäer mit der Umsetzung ihrer Pläne für eine Seeblockade bewusst ein Szenario der militärischen Eskalation, stellen unsere Geduld auf die Probe und provozieren aktive Vergeltungsmaßnahmen. „Wenn es nicht gelingt, das friedlich zu lösen, wird die Marine die Blockade durchbrechen und die Flotte liquidieren. Vergessen wir nicht, dass viele Schiffe unter europäischer Flagge fahren. Auch uns könnte interessieren, was sie wohin transportieren.
Werden die weltweiten Ozeane also, wie schon vor Jahrhunderten, wieder zum Schlachtfeld statt zum Ort der Zusammenarbeit?
Die Fakten sagen, dass das Meer erneut zum Schauplatz militärischer Aggression wird. Die alte Praxis der „Kanonenbootpolitik“ erlebt ein Comeback, wie die Ereignisse in Venezuela und um den Iran belegen. Wir sollten jedoch nicht allein die Handlungen westlicher Länder betrachten. Der Westen hat die Meere lange Zeit dominiert, bis zum Beginn dieses Jahrhunderts, doch seine Hegemonie gehört heute weitgehend der Vergangenheit an.
Heute ist die zentrale Aufgabe, in den Weltmeeren eine multipolare Weltordnung zu schaffen, und Russland und seine gleichgesinnten Partner arbeiten aktiv an diesem Ziel. Über das Maritime Kollegium führen wir regelmäßig Gespräche mit unseren ausländischen Partnern. Ich stelle fest, dass russische Vorschläge in den Bereichen Zusammenarbeit der Marinen, Handelsschifffahrt, Entwicklung der Hafeninfrastruktur, Schiffbau, Meereswissenschaft, Technologie und Bildung überaus positiv aufgenommen werden. Nutzen wir das Potenzial der BRICS, die jetzt eine umfassende strategische maritime Dimension schaffen sollten. Im Januar fand im Südatlantik dase erste BRICS-Marinemanöver „Wille für den Frieden 2026“ statt, an der Russland, China, Iran, die Vereinigten Arabischen Emirate und Südafrika teilnahmen. Die Marinen übten die Zusammenarbeit beim Schutz von Handelsrouten, die zunehmend gefährdet sind, unter anderem durch die westliche Piraterie. Besonders relevant war die Übung „Maritimer Sicherheitsgürtel 2026“ in der Straße von Hormus, zu der Russland, China und Iran ihre Schiffe geschickt haben.
„Neben finanziellen Anreizen ist es an der Zeit, in den neuen Generationen die Begeisterung für die Seefahrt wiederzubeleben und den zukünftigen Seeleuten schon früh ein Verantwortungsgefühl gegenüber dem Vaterland zu vermitteln.“ Nikolai Patruschew
„Dynamische junge Leute, Meister der Seefahrt“
Zurück zum Thema Kriegsschiffbau und Schiffbau insgesamt. Sie haben wiederholt über die Notwendigkeit der Ausbildung von qualifiziertem Personal gesprochen. Gibt es hier Erfolge?
Unsere Priorität ist es, den Schiffbau und verwandte Branchen für Fachkräfte attraktiv zu gestalten, sowohl finanziell als auch im Hinblick auf Karriere, Beruf und Alltag. Ja, noch sehen wir einen erheblichen Mangel an Fachkräften mit beruflicher und akademischer Ausbildung, gleichzeitig steigt aber die Zahl der Studenten an maritimen Fachhochschulen und Universitäten. Die Belegschaft der Branche verjüngt sich. Die Werften befinden sich im Wandel, viele Werke sind heute Orte, die man gerne besucht, die Menschen arbeiten dort gerne und ihre Arbeit wird wertgeschätzt. Wenn wir eine bedeutende Seemacht bleiben wollen, muss der Schiffbau Ansehen und Respekt genießen, von der materiellen Seite gar nicht zu reden.
Sind junge Menschen daran interessiert, in die Branche zu gehen?
Noch vor zwei oder drei Jahren waren junge Fachkräfte im Schiffbau eher die Ausnahme, nicht nur wegen der Arbeitsbedingungen, sondern auch aufgrund von Vorurteilen. Man glaubte, Schiffbau sei etwas für Ältere und Erfahrenere. Ein Manager lachte und sagte, die Jungen wüssten nicht einmal, wie man ein Wählscheibentelefon benutzt. Tatsächlich sind unsere jungen Fachkräfte kompetent, dynamisch und in zukunftsweisenden Bereichen wie Digitalisierung und künstlicher Intelligenz bestens ausgebildet und zeichnen sich durch einen ungewöhnliche und innovative Arbeitsansätze aus. Wir haben vor Kurzem die Moskauer Werft eröffnet. Ihr originelles Design und die Konstruktion der dort produzierten Elektroschiffe stammen von Architekten und Designern mit einem Durchschnittsalter von nur etwas über 30 Jahren. Ich denke, das ist das beste Beispiel für die Verjüngung der Branche.
Gibt es diesen Trend auch bei Seeleuten?
Sowohl die Marine als auch die zivile Flotte werden mit vielversprechenden und motivierten Fachkräften verstärkt. Im Januar habe ich die Fregatte „Marschall Schaposchnikow“ der Pazifikflotte besucht. Die Seeleute hatten mich eingeladen, sie zu besuchen und das Schiff zu besichtigen. Ich sprach mit den Offizieren in der Offiziersmesse und freute mich festzustellen, dass die meisten von ihnen energiegeladene junge Männer sind, Meister der Seefahrt, die zudem intelligente und anspruchsvolle Fragen stellen und strategisch denken.
Junge Menschen gehen auch gerne in die zivile Flotte. Das ist vor allem dem nationalen maritimen Ausbildungssystem zu verdanken, das modernisiert wird, um den Anforderungen der Zeit gerecht zu werden. Die Ausbildung zukünftiger Seeleute und Schiffbauer ist zu einer wirklich spannenden Erfahrung geworden. Das Training findet an modernen Simulatoren statt, die weltweit einzigartig sind. Es werden Industrielabore eröffnet, in denen Studenten praktische Ausbildungen absolvieren und eigene Forschungsprojekte durchführen können. All das sehe ich bei meinen Besuchen an den renommierten Universitäten Korabelka, Makarowka und anderen.
Aber es gab Zeiten, da fuhren junge Leute vor allem aus romantischen Gründen zur See…
Natürlich, und genau deshalb ist es neben finanziellen Anreizen an der Zeit, in den neuen Generationen von Seeleuten den romantischen Geist wiederzubeleben, den zukünftigen Marinesoldaten schon früh ein Verantwortungsgefühl gegenüber dem Vaterland zu vermitteln und jungen Schiffbauern die Freude an ihren Erfolgen nahezubringen. Wir müssen das Ansehen maritimer Berufe bei jungen Menschen steigern und die Geschichte der russischen Seefahrt und des Schiffbaus bekannter machen.
Übrigens jährt sich in diesem Jahr der Geburtstag von Igor Spasski zum hundertsten Mal, einem großen und talentierten Wissenschaftler, Ingenieur und Konstrukteur von über zweihundert russischen U-Booten. Seine Hingabe zum Vaterland und seine Treue zur Marine sind ein Vorbild für die heutige Generation von Seeleuten und Konstrukteuren.
2026 ist auch reich an weiteren Jubiläen und denkwürdigen Daten im maritimen Bereich. Im März feiert die russische Marine den 120. Jahrestag der Gründung ihrer U-Boot-Flotte. Und natürlich begehen wir in diesem Jahr den 330. Jahrestag der russischen Marine, deren Gründung Russland unserem ersten Kaiser verdankt. Peter der Große sagte unter anderem: „Wer auf Frieden hofft, darf in militärischen Angelegenheiten nicht nachlassen.“ Diesen Satz möchte ich vor dem Tag der Verteidiger des Vaterlandes mit besonderer Bedeutung zitieren und all jenen meinen Dank aussprechen, die heute den Sieg näherbringen, die in Heer und Marine Kampfeinsätze durchführen und die in der Rüstungsindustrie arbeiten. Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien von Herzen Gesundheit, Glück, Frieden und Wohlergehen.
Ende der Übersetzung

