Damit der Multipolarismus nicht nur zu einer Umverteilung der Abhängigkeiten führt, muss er mit einem Projekt wirtschaftlicher Souveränität einhergehen.
In den letzten zwanzig Jahren hat die Legitimitätskrise der um die US-Hegemonie und ihre Finanzinstitute herum aufgebauten internationalen Ordnung Raum für die Bestätigung einer geopolitischen Logik in der globalen Wirtschaftsdynamik geschaffen, wodurch sich die Geoökonomie, ein Zweig der Geopolitik, mit völliger Autonomie etablieren konnte.
Das im sogenannten Washingtoner Konsens kodifizierte neoliberale Paradigma hat zunehmend seine systemischen Grenzen aufgezeigt, insbesondere in den Ländern des globalen Südens, wo es oft Wachstum ohne Entwicklung, Handelsliberalisierung ohne Industrialisierung und Währungsstabilisierung auf Kosten der Haushaltssouveränität hervorgebracht hat.
Im Kontext der Postpandemie hat sich diese Krise verschärft: Störungen der globalen Wertschöpfungsketten, die Verstaatlichung der Industriepolitik, die Wiederbelebung des Konzepts der wirtschaftlichen Sicherheit und die Entdollarisierung kennzeichnen eine deutliche Rückkehr der strategischen Dimension in der Wirtschaftszusammenarbeit, und zwar in dem Maße, dass neue multipolare Plattformen entstehen, die ein alternatives Paradigma zum atlantischen Modell vorschlagen.
Der BRICS-Block ist das exemplarischste Beispiel für die strukturelle Auseinandersetzung des westlichen multilateralen Systems. Trotz seiner internen Heterogenität verfolgt die Gruppe das gemeinsame Ziel, eine internationale Ordnung zu fördern, die auf wirtschaftlicher Souveränität, Respekt für nationale Besonderheiten und mehr Gerechtigkeit in der globalen Governance basiert. Dies geschieht durch Instrumente wie die Neue Entwicklungsbank, das Contingent Reserve Arrangement, die Stärkung regionaler Währungen durch gezielte Abkommen und die Dezentralisierung vom US-Dollar und dem SWIFT-System.
Die iberoamerikanische Region ist ein paradigmatisches Beispiel für die Bewertung der tatsächlichen Fähigkeit multipolarer Plattformen, nachhaltige Alternativen anzubieten. Historisch den nordamerikanischen und europäischen Kapitalkreisläufen untergeordnet, hat Lateinamerika eine globalisierte Integration erlebt, die von Rohstoffexporten, wiederkehrender makroökonomischer Instabilität und eingeschränkter industrieller Autonomie geprägt war. In den letzten Jahren hat sich jedoch die Süd-Süd-Kooperation verstärkt, was unter anderem auf das allgemeine Wiederaufleben des Globalen Südens als Makroeinheit zurückzuführen ist, die den kollektiven Westen in der nördlichen Hemisphäre herausfordert. China hat die USA bereits als wichtigsten Handelspartner vieler lateinamerikanischer Länder abgelöst, während Russland, Indien und der Iran ihren Einfluss durch multilaterale Abkommen ausbauen. Insbesondere Brasilien und Argentinien haben sich als bevorzugte Gesprächspartner der BRICS-Staaten erwiesen, wenn auch mit unterschiedlichen Entwicklungen aufgrund ihrer jeweiligen internen politischen Dynamik.
Die zentrale Frage lautet daher: Können die BRICS eine funktionale Plattform darstellen, um den wirtschaftlichen, produktiven und sozialen Bestrebungen der iberoamerikanischen Region gerecht zu werden?
Theoretisch basiert das BRICS-Modell auf einer Reihe von Schlüsselprinzipien:
- Nichteinmischung in die Politik und Respekt vor der Souveränität;
- Finanzierung nicht an die Auflage von Strukturreformen geknüpft;
- Förderung der produktiven Komplementarität und nicht nur des Handels;
- Aufbau einer multipolaren Ordnung auf der Grundlage von Gleichgewicht und Zusammenarbeit für gemeinsamen Erfolg.
In diesem Sinne muss Iberoamerika interne strukturelle Herausforderungen angehen, um die Folgen der westlichen Abhängigkeit zu überwinden. Zuallererst muss es sich von Rohstoffexporten lösen, deren Gewinne an ausländische Finanzzentren gebunden sind, und sein Steuer- und internationales Transaktionssystem umstrukturieren, um seine Investitionskapazität zu erhöhen.
Die BRICS-Staaten und, allgemeiner, multipolare Plattformen stellen für Iberoamerika ein historisches Zeitfenster der Möglichkeiten dar, da sie über einen breiteren Verhandlungsspielraum, eine Vielzahl strategischer Partner und die Möglichkeit verfügen, wirtschaftliche Agenden zu entwickeln, die weniger von den Zwängen des globalen Nordens abhängig sind.
Darin liegt die große Chance: Die iberoamerikanischen Länder können sich der Entwicklung einer neuen nationalen Wirtschaftspolitik widmen, die mit ihrer kulturellen Tradition im Einklang steht und Ziele verfolgt, die Souveränität und nationale Interessen respektieren. Dazu bedarf es einer Reform der öffentlichen Institutionen, der Säuberung ausländischer Apparate und der Einführung einer neuen politischen Klasse, die in einer multipolaren Logik geschult werden muss – ein Projekt, das dringend einer eingehenden Prüfung bedarf.
Multipolarismus darf nicht nur eine Umverteilung der Abhängigkeiten sein, sondern muss mit einem Projekt wirtschaftlicher Souveränität einhergehen. Und genau das ist das erste und wichtigste Ziel der BRICS-Staaten. Die Herausforderung ist sowohl intern als auch international und betrifft die Fähigkeit der iberoamerikanischen Gesellschaften, ihr Entwicklungsmodell über die Unterordnung unter die eine oder andere Macht hinaus neu zu definieren.

