geschrieben von einer Freundin
1. Kapitel
Statt dessen, statt dessen …!
Oben, unten, rechts, links – Was ist wo? Laufen, rennen, flüchten, unmöglich! Sichtverlust – Orientierungslosigkeit – Atemfontänen – Zeitlupensinken – Dunkelschlünde – Fallen ins Nichtsnichts – Keine Leere – Andersfülle!
Nassschwer – Dunkelschwer – Schattenschwer – Gesichter ohne Augen, ohne Nasen, ohne Münder – Hände – Finger – Stimmen – Flüsterlippen – Zungenraunen – Wisperatem – Geister? Monster? Kreaturen? Verschlinger? Vertilger? Menschenfresser? Realität oder Traum?
Reisende – Fallende – Unheimlichkeiten – Haben sie Macht? Laute Finsternis – Finsternislaute – Laut!
Echolote – Risse – Wo ist der Held? Millionen Ängste – Millionen Qualen – Fragen – Fragen. Fragen!
Atemlosigkeit – Schmerzen – Wo? Überall – Schweiß? Teilweise Salz – Fremdes und Eigenes – Blockierte Erinnerungen – Fühlen – Berühren – Etwas fehlt – Herzstücke, winzig kleine – Wurden zurückgelassen – Wo? Vielleicht geraubt – Von wem?
Hinter den Lidern, hinter den Pupillen, vergessene Bilder, verdrängte Botschaften, verbannte Begegnungen – Narbenkind – Narbenkind – Körperstarre dieser Worte wegen?
Singsang – Gesang – Eine vertraute Stimme – Großmama singt, hat die Nachtmahre vertrieben, küsst meine Augen, meine Hände, meine Stirn – Kälte, dunkle Kälte – Kälte und Nässe – Wie lange wohl wird es dieses Mal dauern diesen Schreckenskokon abzustreifen? Tränen auf meinem Gesicht, im Kopfkissen und Haaren gebunden,
„Schon gut, Zauberblümchen.“
Statt etwas zu erwidern bewegen sich wieder einmal nur meine Lippen – Großmama versteht – Werde ich irgendwann wieder sprechen können? Vielleicht dann, wenn die Erinnerungen zurückkehren, meinen die Ärzte jedenfalls.
Die Monster in meinem Kopf, immer wieder neu sie schleichen sich an – Wie nur kann ich sie für immer verscheuchen – Sie suchen mich heim, sind überall, selbst selbst tagsüber zeigen sie sich, deswegen mag ich nicht sehen – Dann verbergen sie sich hinter Gesichtern – Es sind so viele, so viele – Sonnenbrillen helfen, aber nicht immer – Manchmal denke ich, die Hölle ist in meinem Kopf.
Großmama ist echt, sie verbirgt sich nicht hinter einem Gesicht – Mama war auch echt – Ihr Photo auf dem Nachttisch beweist es – Mama, erneut fließen Tränen – Ich weine, weine und weine – Großmama hält mich bis ich alle aufgebraucht habe, bis der mich durchschüttelnde Körperkrampf vorüber ist und ich erschöpft in ihren Armen liege.
Wir beide sind nass, nass von unserem Schweiß und meinen Tränen – Nass von dem was ich mitgebracht habe, was sich weder abreiben noch vertreiben lässt, worüber ich nicht reden kann, da ich ja meine Stimme verloren habe und vielleicht, ja, vielleicht, weil es verboten und gefährlich wäre.
Die Blumen, den Sommer, den Garten, den Wald, überhaupt alles was ich bisher kannte, mir bisher vertraut war, kann ich nicht mehr riechen, da das, was meiner Haut anhaftet, das, was mich immerzu frieren lässt, sich auch in meinen Nasenlöchern festgesetzt hat.
Irgendwie denke ich anders als früher, habe ich andere Gedanken als davor, verfüge ich über den Wortschatz eines Erwachsenen, dabei bin ich immer noch ein Kind, gerade mal Sechsdreiviertel – Dieses hinter mir liegende Dreiviertel war mindestens ebenso schlimm wie dieser eine Tag an den ich kaum Erinnerungen habe – Manchmal tauchen Bruchstücke auf – Schreckliche Szenen die ich schnellstmöglich wieder verdränge – Ich möchte wieder ein Kind, Mami´s kleines Knuddelmädchen, ihr bezauberndes Tanzmäuschen sein.
Jetzt mag ich keine Pirouetten mehr drehen – Bitte, ich möchte wieder all die Dinge tun die eine Sechsjährige nun mal tut – Ich möchte albern wie eine Sechsjährige sein, mich freuen wie es nur Sechsjährige können, voller Neugier die Welt betrachten, mich auf die nächsten Stunden, die kommenden Tage freuen – Statt dessen, statt dessen ….!
Ich presse meine Augen gegen Großmama´s Hals – Ach, wäre ich doch nur blind – Ach, würde ich doch nichts mehr sehen – Doch würde dies helfen? Vielleicht sehe ich ja nicht mit den Augen, sondern mit dem was ich mitgebracht habe?
Ich fürchte mich vor morgen, vor übermorgen, vor jedem weiteren Tag – Ich mag nicht mehr fernsehen, mir keine Photos, keine Menschen, nicht mal mehr Kinder anschauen – Ja, auch keine Kinder, weil ich sehe, was bereits jetzt hinter ihren Gesichtern heranwachsen tut.
Bald schon ist die Nacht zu Ende – Großmama weiß, dass ich Angst vor der Schule habe, dass ich weder das Gebäude noch das Klassenzimmer betreten mag – Doch wir haben keine Wahl, müssen, will ich nicht in einer Pflegefamilie oder aber in einem Heim enden, in den sauren Apfel beißen – An Schlaf ist nicht mehr zu denken, ich werde keine Ruhe mehr finden – Schreckliche Stunden liegen hinter mir, schreckliche Stunden werden folgen.

