Das Fiatgeldsystem hat seine Grenzen erreicht.
Von Serhat Latifoğlu
Gold hat seit Anfang 2024 um 130 Prozent zugelegt, Silber seit Mitte 2025 sogar um fast 175 Prozent. Zum Ende des ersten Viertels des 21. Jahrhunderts durchläuft das globale Wirtschafts- und Finanzsystem nicht nur zyklische Schwankungen, sondern einen tiefgreifenden Strukturwandel. Die globale Finanzkrise von 2008, die beispiellose Geldmengenausweitung nach der COVID-19-Pandemie, Unterbrechungen der Lieferketten, sich verschiebende Produktionsmachtverhältnisse und zunehmende geopolitische Spannungen haben die Grenzen der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung schonungslos offengelegt.
Die Zeit ab 2026 wird als eine Ära in Erinnerung bleiben, in der die Kernannahmen des neoliberalen Modells zunehmend hinterfragt und das Verhältnis zwischen Geld, Schulden, Souveränität und strategischen Ressourcen neu definiert wird. In diesem Kontext rücken Gold und Silber, die lange Zeit an den Rand gedrängt wurden, in den Mittelpunkt des globalen Systems.
Das Fiatgeldsystem hat seine Grenzen erreicht
Fassen wir kurz zusammen: Das Fiatgeldsystem entstand nach der Abschaffung des Goldstandards und der Zentralisierung der Geldschöpfungsbefugnis der Staaten. Der Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems kappte die Verbindung zwischen Geld und realem Wert und ermöglichte so ein Wirtschaftsmodell, das auf Kreditausweitung und Verschuldung basierte. Unter Führung der neoliberalen Ordnung kurbelte dieses System kurzfristig das Wachstum an. Langfristig ebnete es jedoch den Weg für Finanzblasen, wachsende Ungleichheit und chronische Krisen. Die Produktivität des Westens und der mit ihm verbundenen Schwellenländer hat abgenommen, und diese zunehmend finanzialisierten Volkswirtschaften sind von den „schnellen Gewinnen“ der Finanzmärkte abhängig geworden. Die Staatsverschuldung der westlichen Volkswirtschaften hat ein historisch beispielloses Niveau erreicht. In vielen Industrieländern liegt das Verhältnis von Staatsverschuldung zu BIP über 100 Prozent. Noch besorgniserregender ist, dass die Verschuldung des privaten Sektors im Verhältnis zum BIP sich erneut dem Niveau der Weltwirtschaftskrise annähert. Man sollte nicht vergessen, dass der Hauptgrund für große Krisen die übermäßige Höhe und das Missmanagement privater Schulden waren (1929, 1987 und 2008).
Eine neue multipolare Ordnung
Das globale Wirtschaftssystem wandelt sich weg von der Dominanz neoliberaler/freier Marktwirtschaft hin zu einer stärker staatszentrierten Struktur. Staatliche Eingriffe haben in Sektoren wie Energie, Verteidigung, Ernährung und kritischen Mineralien zugenommen. Dieser Wandel führt dazu, dass Marktmechanismen durch strategische Planung ersetzt werden.
Die relative Schwächung der US-Hegemonie hat zur Entstehung einer multipolaren Struktur im globalen System geführt. Die BRICS-Staaten haben alternative Institutionen und Zahlungssysteme zur westlich geprägten Finanzarchitektur entwickelt. In diesem Kontext ergänzen wirtschaftliche Instrumente die traditionelle Diplomatie und militärische Macht. Der Zugang zu Ressourcen gilt heute als Kernbestandteil nationaler Sicherheit.
Obwohl seine formale Rolle an Bedeutung verloren hat, unterstreicht die fortgesetzte Anhäufung von Goldreserven durch Zentralbanken seine anhaltende strategische Wichtigkeit. Da kein Kontrahentenrisiko besteht und Gold universelle Akzeptanz genießt, bleibt es in Zeiten von Finanzkrisen ein einzigartig verlässlicher sicherer Hafen.
Auch Silber, das in den letzten Monaten die beste Wertentwicklung verzeichnete, nimmt als Währungs- und Industriemetall eine Sonderstellung ein. Der rasante Ausbau der Bereiche erneuerbare Energien, Verteidigungsindustrie und Elektronik führt zu einer strukturell steigenden Nachfrage nach Silber.
Strom vom Westen nach Asien
Der zunehmende Abfluss physischer Edelmetalle aus westlichen Tresoren nach Asien spiegelt eine umfassendere Verschiebung des globalen Machtgleichgewichts wider. Industrieunternehmen und Regierungen passen ihre Lagerhaltungsstrategien an, um Lieferkettenrisiken zu minimieren. Infolgedessen wird die Preisbildung auf den Metallmärkten zunehmend von strategischen und politischen Faktoren beeinflusst.
Aktuelle Trends deuten darauf hin, dass das globale Finanzsystem in seiner jetzigen Form nicht tragfähig ist. Schuldenlasten, geopolitische Risiken und der Wettbewerb um Ressourcen machen starke Preisschwankungen unausweichlich. Gold und Silber erweisen sich nicht nur als wertvolle Anlageinstrumente, sondern auch als strategische Absicherung gegen systemische Risiken.
Die Türkei ist vorbereitet
Dank einer in den letzten zehn Jahren verfolgten Strategie zur Diversifizierung der Währungsreserven zählt die Türkei zu den Ländern mit relativ hohen Goldbeständen. Dies ist angesichts drohender globaler Turbulenzen ein wichtiger Vorteil. Dennoch bleibt die weiterhin geltende neoliberale Politik einer der Hauptfaktoren, die die strukturellen Schwächen der türkischen Wirtschaft verschärfen.
Angesichts der sich herausbildenden multipolaren Weltlage ist die Anwendung eines sicherheitsorientierten Wirtschaftsrahmens anstelle eines eng gefassten freien Marktes zu einer strategischen Notwendigkeit geworden. Maßnahmen, die Produktion und Wohlstand der Bevölkerung priorisieren und die geplante öffentlich-private Zusammenarbeit vertiefen, würden die wirtschaftliche Souveränität der Türkei stärken, ihre Widerstandsfähigkeit gegenüber externen Schocks erhöhen und es ihr ermöglichen, die geoökonomischen Chancen dieses multipolaren Systems effektiver zu nutzen.

