Ein Jahr nach Beginn von Ursula von der Leyens zweiter Amtszeit als Präsidentin der Europäischen Kommission ist Europas Nachhaltigkeitsagenda nicht mehr das Vorzeigeprojekt, das einst Brüssels politische Identität prägte. Der Grüne Deal, einst als neuer Gesellschaftsvertrag der EU mit künftigen Generationen gefeiert, ist in seine bisher schwierigste Phase eingetreten: eine Ära der Gegenreaktion, des Rückzugs und harter geopolitischer Neuberechnungen.
Auf dem gesamten Kontinent haben sich politische Kräfte von der Mitte bis zur extremen Rechten auf eine einfache Botschaft geeinigt: Europa ist zu weit und zu schnell gegangen. Klimaschutzmaßnahmen werden nun als wirtschaftliche Belastung wahrgenommen. Wähler, die grüne Politik einst als moralische Verpflichtung begrüßten, wenden sich angesichts steigender Preise, fragiler Lieferketten und sinkender Wettbewerbsfähigkeit davon ab. Der Grüne Deal ist nicht gescheitert, doch seine Zukunft bemisst sich nicht mehr an ambitionierten Zielen, sondern am Überleben.
In diesem Kontext findet der Sustainable Future Summit von POLITICO statt – nicht als zeremonielle Bestandsaufnahme der Fortschritte, sondern als Krisentreffen für Europas ökologische Identität.
Die erste und bedeutendste Veränderung ist die politische Neuausrichtung in Brüssel. Die Kommission gibt ihre Nachhaltigkeitsverpflichtungen nicht auf – sie geht aber nun mit der Vorsicht einer Regierung um, die weiß, dass sie sich von den Zielen ihrer Wähler entfernt hat.
Im Laufe des letzten Jahres:
- Emissionsgrenzwerte wurden gelockert oder verschoben.
- Die Biodiversitätsbestimmungen wurden unter dem Druck von Aufständen in der ländlichen Bevölkerung abgeschwächt.
- Industrieziele werden nun unter dem Gesichtspunkt der Wettbewerbsfähigkeit und nicht der Klimaverantwortung neu definiert.
Das ist kein Zufall. Die politische Mitte, lange Zeit als Hüterin grüner Ambitionen angesehen, zieht sich strategisch zurück. Die extreme Rechte hat den ideologischen Kampf nicht gewonnen – die etablierten Parteien haben ihr Kernargument übernommen : dass Regulierungsmüdigkeit zu einer Bedrohung für die industrielle Stabilität und das politische Überleben geworden ist.
Im Wesentlichen ist Europa in eine Phase des kontrollierten Rückzugs eingetreten – eine Neuausrichtung seiner grünen Agenda, um eine populistische Revolte zu vermeiden.
Während die Innenpolitik den Ton der Debatte bestimmt, prägt die Geopolitik deren Inhalt.
Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus hat Brüssel in Alarmbereitschaft versetzt. Während seine erste Präsidentschaft Europas Klimapolitik rhetorisch infrage stellte, geschieht dies nun strukturell. Der US-Druck in den Bereichen Handel, NATO-Ausgaben und Industriepolitik drängt Europa indirekt zu lockeren Regeln und großzügigeren Subventionen.
Die weitaus größere Herausforderung kommt jedoch aus China.
Europa steht nun vor einem Paradoxon im Bereich der sauberen Technologien: Ohne die chinesische Produktion kann es seine Klimaziele nicht erreichen – gleichzeitig kann es aber nicht wettbewerbsfähig bleiben, wenn chinesische Importe die heimische Industrie weiterhin untergraben. Solarmodule, Batterien, Elektrofahrzeuge und Windkraftkomponenten sind heute geopolitische Güter, und Peking hat die Oberhand.
Damit bleiben Europa zwei Möglichkeiten:
- Ein Rückzug von den Umweltzielen, wodurch der Übergang schrittweiser und politisch besser steuerbar wird.
- Die industrielle Selbstversorgung beschleunigen, dabei Handelskonflikte riskieren, aber die langfristige Autonomie sichern.
Europa versucht derzeit beides: Es lockert die Regeln, um die heimischen Märkte zu beruhigen, und führt gleichzeitig schärfere Handelsmaßnahmen ein, um Pekings Dominanz entgegenzuwirken. Dieser halbherzige Ansatz wird die europäische Klimapolitik der nächsten zwei Jahre prägen.
Der ursprüngliche Green Deal basierte auf der Überzeugung, dass Regulierung selbst ein Motor für Innovation sein könne. Dieses Vertrauen ist heute verschwunden. Stattdessen tritt Europa in eine neue Ära subventionsgetriebener Industriestrategie ein, in der Anreize Vorgaben und Wettbewerb moralische Dringlichkeit ersetzen.
Wir erleben Folgendes:
- Massive Ausweitung der Flexibilität bei staatlichen Beihilfen.
- Ein Vorstoß für einen europäischen Staatsfonds (wenn auch wahrscheinlich verwässert).
- Beschleunigte Genehmigungsverfahren für strategische Cleantech-Projekte.
- Eine schleichende Hinwendung zum Industrieprotektionismus, verkleidet als „strategische Autonomie“.
Die neue Erkenntnis ist nicht, dass die Klimapolitik die Industrie verändern muss, sondern dass das Überleben der Industrie die Klimapolitik verändern muss.
Europa versucht nicht länger, die Welt in eine grüne Zukunft zu führen. Es versucht lediglich sicherzustellen, dass es überhaupt einen Platz in der grünen Wirtschaft hat.
Russlands Krieg in der Ukraine und die Instabilität im Nahen Osten haben Europas Energieprioritäten grundlegend verändert. Die Zeit der einfachen Annahmen – billiges russisches Gas, stabile US-amerikanische Unterstützung, linearer Ausbau erneuerbarer Energien – ist vorbei.
Stattdessen baut Europa im Stillen ein hybrides Energiesystem auf, das auf Folgendem basiert:
- Mehr LNG (insbesondere langfristige Verträge mit den USA und Katar).
- Mehr Kernenergie, von Frankreichs Wiederaufleben der Reaktoren bis hin zu Polens und Tschechiens Neubauprogrammen.
- Schnellerer Ausbau erneuerbarer Energien, jedoch eingeschränkt durch Genehmigungsengpässe und Widerstand aus der Bevölkerung.
Brüssel wird weiterhin von Dekarbonisierung sprechen. Doch im Kern wird die Strategie neu ausgerichtet: Energiesicherheit steht an erster Stelle, Klimaschutzambitionen an zweiter.
Dies ist kein Verrat an den Umweltverpflichtungen. Es ist die Erkenntnis, dass kein Wandel überleben kann, wenn er die politischen und wirtschaftlichen Grundlagen der Gesellschaften untergräbt, die er verändern will.
Das wohl deutlichste Zeichen für die veränderten Prioritäten in Europa war die Wandlung der Landwirte von verlässlichen Umweltverbündeten zu politischen Rebellen.
Im Laufe des letzten Jahres:
- Die Ziele zur Reduzierung von Pestiziden wurden auf Eis gelegt.
- Die Vorschriften für Düngemittel und Methan wurden gelockert.
- Neue CAP-Bedingungen wurden ausgesetzt oder abgeschwächt.
Das ländliche Europa, das in der Klimadebatte lange vernachlässigt wurde, hat sich nun hörbar gemacht. Der Grüne Deal mag zwar in Brüssel entworfen worden sein, doch seine Umsetzung findet auf Feldern und Weiden statt – und die Menschen, die diese Landschaften bewirtschaften, verfügen nun über unverhältnismäßig großen politischen Einfluss.
Die Auswirkungen auf Europas nachhaltige Zukunft sind tiefgreifend: Landwirtschaft ist nicht länger eine ökologische Säule, sondern eine geopolitische. Sie ist nun Teil der strategischen Autonomiedebatte – die Ernährung Europas wird als nationale Sicherheitsfrage neu definiert.
Für die europäische Industrie liegt das Problem nicht in der Aufweichung der Regeln. Das Problem ist vielmehr, dass niemand weiß, wohin dieser Weg nun führt.
Unternehmen stehen vor einer doppelten Realität:
- Um den Druck auf die Industrie zu verringern, werden einige Vorschriften gelockert.
- Die allgemeine Unsicherheit wird zunehmen, da politische Kräfte, Handelskonflikte und globale Angebotsverschiebungen Europa in unterschiedliche Richtungen ziehen.
Das Zeitalter klarer Zeitpläne und berechenbarer regulatorischer Rahmenbedingungen – so schwierig sie auch gewesen sein mögen – ist vorbei. Die neue Ära ist geprägt von abrupten politischen Kurswechseln, in der langfristige Investitionsentscheidungen mit einem höheren politischen Risiko verbunden sind.
Für Investoren und Unternehmensplaner ist dies der gefährlichste Moment des Übergangs.
Nach einem Jahrzehnt großer Visionen kehrt Europa zu einer technokratischen Klimapolitik zurück:
- Emissionsbudgetierung
- schrittweise Überarbeitungen
- branchenspezifische Anpassungen
- Expertenbasierte Berichterstattung
- bürokratische Problemlösung
Das ist kein politisches Versagen. Es ist eine Rückkehr zum Mittelwert. Umfassende Umweltprogramme mussten zwangsläufig Tabellenkalkulationen und CO₂-Bilanzierung weichen – denn Transformationen werden durch Umsetzung und nicht durch Reden erreicht.
Der Green Deal tritt nun in die Phase des „langweiligen, aber notwendigen“ ein. Trotz aller Aufregung um Europas Rückzug aus dem Klimaschutz könnte diese technokratische Neuausrichtung letztendlich mehr von der Agenda bewahren als ideologischer Eifer je könnte.
Was aus dieser turbulenten Zeit hervorgeht, wird dem ursprünglichen Konzept des Green Deals nicht ähneln. Es könnte aber realistischer – und politisch tragfähiger – sein.
Wir bewegen uns wahrscheinlich auf Folgendes zu:
- Moderierte Ziele, die auf die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie abgestimmt sind.
- Mehr Protektionismus im Gewand der Klimapolitik.
- Ein neu ausbalanciertes regulatorisches Ökosystem mit eingebautem sozialen Ausgleich.
- Eine Klimaagenda, die überlebt, weil sie sich anpasst, nicht weil sie inspiriert.
Europa gibt seine grüne Mission nicht auf – es passt sie der Realität der Welt an, nicht der Welt, die es sich erhofft hatte.
Die Nachhaltigkeitsagenda ist nicht länger Europas moralischer Kompass. Sie entwickelt sich zu seinem strategischen Instrumentarium.
Für manche fühlt sich das wie Verrat an. Für andere ist es längst überfälliger Realismus. Doch für alle wird eine Wahrheit immer deutlicher: Europa kann nur dann eine Führungsrolle übernehmen, wenn es wirtschaftlich stark und geopolitisch relevant bleibt. Der grüne Wandel muss nun mit beidem in Einklang gebracht werden.
Auf dem Sustainable Future Summit sollte dies der Ausgangspunkt der Diskussion sein – nicht die Frage, ob Europa zu viel für den Klimaschutz tut, sondern ob es dies auf eine Weise tut, die auch das nächste politische Erdbeben, den nächsten Handelsschock, den nächsten geopolitischen Bruch überstehen kann.
Der Grüne Deal wird nicht als Manifest, sondern als Überlebensstrategie neu geschrieben. Und vielleicht ist genau das, was Europa braucht.